Erinnerungen an die Geschehnisse vor 25 Jahren

Es ist der 26. Oktober 1989.

Der Herbst ist schon winterlich kalt. Fünf Grad unter Null. Mit Einbruch der Dunkelheit strömen mehr als 2000 Menschen in die ungeheizte Salzwedeler Katharinenkirche. Niemand hat sie eingeladen. Durch Flüsterpropaganda haben sie von dem Treffen erfahren. Sie machen sich Sorgen um ihr Land. Vor allem wollen sie hören, was das Neue Forum zur Krise in der Gesellschaft zu sagen hat. Dicht drängen sich die Menschen in der überfüllten Kirche.

Pfarrer Joachim Hoffmann spricht das Friedensgebet. Christen und Nichtchristen fassen sich spontan bei den Händen, als die Orgel erklingt und der Gesang anhebt: „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen...“ Gefühle der Stärke, Solidarität und des Aufbruchs aus eisiger Erstarrung erfassen jeden in der Kirche. Am Ende des Abends haben die meisten ihre Winterjacken ausgezogen, so warm ist es geworden.

Am Vormittag des 26.10. hatte Hoffmann einen Anruf von Bruno Sach erhalten. Er repräsentierte als Erster Sekretär der SED-Kreisleitung in Salzwedel die Staatsmacht. Drohend hatte Sach darauf hingewiesen, dass „wie am 20.10. die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft versetzt worden seien.“ Sie würden eingreifen, wenn es in Salzwedel zu öffentlichen Protesten kommen sollte. Darüber informiert Hoffmann nun die Menschen:

„Ich bitte Sie im Interesse der Sache“, ruft Pfarrer Hoffmann den Menschen zu, „gehen Sie nicht in großen Gruppen nach Hause. Mit einer Demonstration ist uns nicht gedient. Dass so viele Menschen hier in der Kirche sind, ist Demonstration genug!“ Entschlossen, der Staatsmacht keinen Grund für ein Eingreifen zu liefern, verlassen die Menschen friedlich die Kirche ... Die ersten Schritte im aufrechten Gang sind getan.

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